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Bedarfsdiskussion

Für uns ist das öffentliche Diskussionsforum eine wichtige Quelle für Anregungen und Feedback. Deshalb stellen wir an dieser Stelle bei Bedarf Diskussionsbeiträge zur Verfügung, die uns interessant erscheinen.

Der folgende Brief wurde von den Unterzeichern als Antwort auf ein Zeitungsinterview von Prof. Dr. Christian Pfeiffer in der TAZ verfasst und fand eine große Anzahl von Unterstützern in der Fachöffentlichkeit.  Beide Texte stehen im Archiv als Dokumente zum Download zur Verfügung.

 

Offener Brief

 Herrn Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen

 

 Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Pfeiffer,

 Sie sind bundesweit bekannt durch mannigfache Untersuchungen, Darstellungen und Äußerungen zu vielfältigen gesellschaftspolitischen Themen, auch zur Jugendpolitik. In der bundesdeutschen Medienlandschaft genießen Sie eine beträchtliche öffentliche Aufmerksamkeit und üben darüber hinaus beratenden Einfluss auf manche Landes- und neuerdings auch die Bundespolitik aus.

Vor diesem Hintergrund haben wir – WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen aus der Kinder- und Jugendarbeit - Ihre jüngsten, fachlich höchst fragwürdigen und politisch potenziell folgenreichen Äußerungen zur Jugendarbeit in der „Tageszeitung“ vom 20. Januar 2006 mit nur noch fassungslosem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. In Ihren pauschalisierenden und keineswegs durch empirische Forschung gestützten Behauptungen wie „ Die Jugendarbeit hat sich nicht bewährt“, in vielen Jugendzentren gäbe es „nur klapprige Tischtennisplatte(n) und einen gelangweilte(n) Sozialarbeiter“ sowie in der in dieser Pauschalität falschen Einschätzung, dass dort „soziale Randgruppen dominieren“, transportieren Sie populistische Vorurteile. Wir halten Ihre Äußerungen für inakzeptabel, weil Sie – völlig jenseits aller Empirie –öffentlich grassierende Vorurteile bekräftigen und damit dem gesamten Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendarbeit Schaden zufügen.

Damit haben Sie fahrlässig eine vorurteilshafte Sichtweise dieses sozialpädagogischen Arbeitsfeldes in die Welt gesetzt. Und dies nicht zum ersten Mal. Bereits im Jahre 1999 hatten Sie sich veranlasst gesehen, Jugendzentren als „Brutstätten der Kriminalität“ zu diffamieren (vgl. Hannoversche Allgemeine Zeitung und Osnabrücker Zeitung vom 7. Juni 1999) und Sie haben diese Äußerung im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Mai 2002 in Berlin wiederholt. Ihren seit Jahren festzustellenden unsachlichen Negativbewertungen der Kinder- und Jugendarbeit ist entschieden zu widersprechen. Denn erziehungswissenschaftlich fundierte Tatsachen sind :

  • Die Kinder- und Jugendarbeit hat einen eigenständigen sozialpädagogischen und gesetzlich normierten Auftrag, der sich in besonderem Maße in den Aufgaben „Bildung“ (im Sinne der Unterstützung der selbsttätigen Aneignung „mitverantwortlicher Selbstbestimmung“) und „Lebensbewältigung“ sowie als „Gestaltung von Lebens- und Lernwelten“ charakterisieren lässt;
  • Die positiven Wirkungen der Kinder- und Jugendarbeit sind durch aktuelle Evaluationen einzelner Teilbereiche (kulturelle, politische und internationale Jugendbildung) belegt. Diese zeigen, dass Kinder und Jugendliche hier in selbst gewählten Themen und Projekten lernen, Beziehungen konstruktiv zu führen, Konflikte zu bewältigen, mit Differenz umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und individuelle Kompetenzen zu entfalten.
  • Die Kinder- und Jugendarbeit wird im Rahmen der gegenwärtigen Ganztagsschulprogrammatik als unerlässlicher eigenständiger Bildungspartner im Sinne einer „Kultur des Aufwachsens“ nachgefragt und angefordert, auch weil sie besonders in der Lage ist unterschiedliche Jugendszenen zu erreichen und anzusprechen;
  • Die Kinder- und Jugendarbeit befindet sich im Kernbereich gesellschaftlich relevanter Zukunftspolitik, weil sie einer der wenigen verbliebenen Freiräume ist, in dem selbsttätige und selbst bestimmte Aneignung für Kinder und Jugendliche möglich ist. (vgl. hierzu aktuell den 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2005)

Die Bewältigung dieser Aufgaben wird in Folge eines umfassenden Sozialabbaues und des anhaltenden Verzichts auf eine verantwortungsvolle Jugendpolitik nicht gerade einfacher. Wir bestreiten keineswegs, dass in der Kinder- und Jugendarbeit erheblicher Forschungs-, Professionalisierungs- und Optimierungsbedarf besteht – wie in anderen pädagogischen Feldern (Schulen, Kindertagesstätten) auch. Dieser Optimierungsbedarf kann aber allein durch gezielte Investitionen, nicht durch pauschale Diffamierungen eingelöst werden.

Wir erlauben uns, Sie im Hinblick auf weitere Einlassungen zur Kinder- und Jugendarbeit weiterhin aufmerksam zu beobachten und sie bei Bedarf gern abermals auf sachliche Irrtümer hinzuweisen. Bei Gelegenheit werden wir auch gern die Diskussion mit Ihnen und den Austausch von Argumenten suchen - nicht aber von haltlosen Stereotypen.

 

Dr. Werner Lindner; Niedersächsisches Landesjugendamt Hannover

Prof. Dr. Albert Scherr; Pädagogische Hochschule Freiburg

Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker; Fachhochschule Kiel

 

 

 


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